Woher wir kommen

Historische Aufnahme der "Thermochem. Anstalt der Commune Wien", wie auf einem Holzschild vor der Anlage zu lesen ist. Das Datum der Aufnahme ist unbekannt. © WStLA
Undatierte historische Aufnahme der Thermochemischen Fabrik der Gemeinde Wien. © WStLA

Abdecker oder Wasenmeister werden jene Menschen genannt, die sich um die Entsorgung von Tierkadavern kümmern. Eine anrüchige, aber insbesondere in Städten für die Seuchenhygiene unverzichtbare Tätigkeit. Die wechselnden Standorte der Wiener Wasenmeisterei spiegeln die Entwicklung der Stadt wider.

Möglichst weit außerhalb der Stadt sollte sie liegen, die „Schindergrube“, wo die Wasenmeister und ihre „Knechte“ die an Altersschwäche oder Seuchen verendeten Tiere zur weiteren Verarbeitung oder bloßem Verscharren hinzubringen hatten. Andererseits aber doch nahe genug, um mit den Transportmitteln vergangener Tage die logistische Herausforderung auch zeitnah bewältigen zu können. Die steigende Empfindsamkeit gegenüber Gerüchen, der zunehmende Fokus auf die städtische Hygiene und das Wachstum der Stadt Wien bzw. ihrer Vorstädte (eingemeindet 1850) und Vororte zwangen die Wiener Wasenmeister im 18. und 19. Jahrhundert zu mehreren Standortwechseln: Bis zur zweiten Belagerung Wiens durch ein osmanisches Heer im Jahr 1683 vor der Stadt im Bereich der heutigen Beatrixgasse im 3. Gemeindebezirk angesiedelt, „wanderte“ die Wasenmeisterei über den Bereich der St. Marxer Linie weiter nach Simmering und schließlich nach Kledering.

Der Bau des Wiener Zentralfriedhofs, offiziell eröffnet 1874, machte eine weitere Verlegung notwendig. Nach einer intensiven Standortsuche wurde die Wiener Wasenmeisterei im Jahr 1878 an den Standort der heutigen ebswien tierservice verlegt, vier Jahre später nahm die Thermochemische Fabrik ebendort ihren Betrieb auf – die erste Anstalt zur seuchensicheren Verwertung von tierischen Abfällen auf dem Gebiet der k. u. k. Monarchie. Sie stand im Eigentum der Stadt Wien und wurde zunächst an den Meistbietenden verpachtet. Neben Änderungen in der Organisation – im Jahr 1916 erfolgte die Gründung der „Gesellschaft zum Betrieb der städtischen Wasenmeisterei und Thermochemischen Fabrik in Wien”, an der die Stadt Wien ab 1920 mehrheitlich beteiligt war, später übernahm die Stadt den Betrieb der Einrichtung zur Gänze – überstand diese Institution mehrere Regimewechsel und zwei Weltkriege, wenn auch den Zweiten Weltkrieg in stark beschädigtem Zustand. Bis 1982 entstanden hier aus Rohmaterial tierischer Herkunft (Tierkadaver, Schlachtnebenprodukte, Knochen, etc.) Tiermehl und Fett. Somit war der Betrieb, lange bevor die Wiederverwertung von Rohstoffen zur ökologischen Notwendigkeit wurde, ein Recyclingunternehmen. Aufgrund der immer geringer werdenden Rohmaterialmenge im städtischen Raum und der veralteten Verfahrenstechnik wurde die Verwertung schließlich eingestellt, die Sammlung aber unverändert belassen.

Chronologie

1878
Gründung

Gründung des Vorläufers der ebswien tierservice Ges.m.b.H. Nfg KG als erste Anstalt in der österreichisch-ungarischen Monarchie zur seuchensicheren Verwertung von tierischen Abfällen auf dem bis heute genutzten Standort

1882
Inbetriebnahme

Fertigstellung der Thermochemischen Fabrik zur Fettstoff- und Knochenmehlgewinnung aus Abfällen von Schlachthäusern und gefallenen Tieren

1916
Umstrukturierung

Der Pächter der Fabrik, Ferdinand Wambacher, erhält die Genehmigung zur Gründung der „Gesellschaft zum Betrieb der städtischen Wasenmeisterei und Thermochemischen Fabrik in Wien“.

1920
Stadt Wien übernimmt die Mehrheit

Geprägt von den Hungererfahrungen des Ersten Weltkriegs will das „Rote Wien“ alle „Approvisionierungsunternehmen“, die die Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgen, stärker kontrollieren. Zur Sicherung der Gesundheit der Wienerinnen und Wiener übernimmt die Stadt Wien 60 Prozent der Anteile an der Gesellschaft.

1938
NS-Machtübernahme

Die NS-Machthaber drängen den Geschäftsführer und Minderheitseigentümer Dipl.-Ing. Hermann Wambacher aus dem Unternehmen. Im Jahr 1940 erfolgt die Umbenennung auf „Tierkörperverwertung und Thermochemische Fabrik Gesellschaft m. b. H.“. Ausbaupläne der als „kriegswichtig“ eingeschätzten Tierkörperverwertung kommen nicht zustande. Durch Bombentreffer wird die Fabrik im Jahr 1944 beschädigt.

1945
Nachkriegszeit

Die Stadt Wien übernimmt nach Kriegsende den Betrieb und installiert mit dem Tierarzt Dr. Friedrich Hartmann einen Langzeitgeschäftsführer, der vier Jahrzehnte im Amt bleiben sollte.

1982
Ende der Verarbeitung

Die ständige Verringerung der zu verarbeitenden Menge führt zur Schließung der Verarbeitungsstelle. Der Betrieb wird zur Sammelstelle für das Land Wien umstrukturiert.

1990
Neuer Name

Das Unternehmen wird auf „Tierkörperbeseitigung Wien GmbH Nfg KG“ umbenannt.

1999
Wechsel der Eigentümerin

Das Unternehmen wechselt innerhalb der Stadt Wien von der Wiener Holding GmbH zur Entsorgungsbetriebe Simmering Ges.m.b.H., der heutigen ebswien hauptkläranlage Ges.m.b.H.

2001
EMAS

Die Tierkörperbeseitigung Wien führt ein gemäß EMAS validiertes Umweltmanagement ein.

2013
Neuer Name

Umbenennung in ebswien tierservice Ges.m.b.H. Nfg KG